Die Große Freiheit

Raketenfeinstaub Januar 22, 2021


Mehrere Stunden verflogen, die Tabs sammelten sich in ihrem Browser, sie verglich, googelte, suchte ziellos und doch getrieben.

Ob Online-Shopping gegen Verlorenheit hilft?, fragte sie sich, während sie müde durch Top-Sales, Traum-Angebote und Hyper-Schnäppchen klickte. Sie wollte nichts kaufen, sie brauchte nichts, sie wusste, dass sie nichts kaufen würde. Das Klicken und Starren lenkte sie ab. Es diente der Entspannung. Ob es das am Ende wirklich tat, wusste sie hingegen nicht. Meist fragte sie sich nur, wo die Zeit verblieben war.

In einem Zeitungsartikel stand, dass gerade so viele Menschen wie noch nie sich mit Online-Shopping die Zeit vertreiben. Sie selbst füllte digitale Warenkörbe, nur um sie wieder zu schließen. Die Pandemie war Schuld, sagte die Zeitung. Auch für erhöhten Tabak- und Alkoholkonsum sowie für Binge Watching. Das ist gut, dachte sie, wenn die Schuld nicht bei einem selbst liegt. Verantwortung braucht kein Mensch, beschloss sie. Auf Komaglotzen hatte sie allerdings keine Lust. Das machte sie nervös. Also öffnete sie einen weiteren Tab in ihrem Browser: voller Angebote einer beliebten Surfmarke.

Eigentlich wollte sie die nicht Zeit nicht „vertreiben“ – sie wollte das Gegenteil: Sie wollte viel mehr Zeit. Sie wollte sie sammeln. Sie festhalten. Sie nie vergehen lassen. Sie schloss einen Tab und öffnete drei neue. Es machte keinen Spaß, aber sie tat es trotzdem und fragte sich, während sie sich ein paar Sneaker in fünf Farbvarianten ansah, ob es den anderen Menschen auch so ging.

Die große Freiheit.
Liebe in Freundschaft und Partnerschaft.
Ein Zuhause.

Das würden alle Menschen suchen, sagte der Radiomoderator in seiner morgendlichen Gute-Laune-Stimme zwölf Stunden zuvor. Das beißend helle Licht blendete sie und der Zahnarzt ließ den Stuhl herunter.
Von oben sah sie die Savanne an. Die große Freiheit, dachte sie. Das war, wonach sie suchte, was sie immer wollte. Die große Freiheit, das klang nach Verheißung. Nach Sehnsucht. Vielleicht sogar nach Wahrheit.

Sie blickte auf ihre beigen Vans, die von der Straße grau gefärbt worden waren.
M28 und M47, sagte der Zahnarzt. Die Arzthelferin nickte und notierte sich irgendwas. Die große Freiheit war etwas, worin das pure Leben steckte. So etwas wie die Essenz von allem. Sie atmete tief ein.
Sieht soweit alles super aus, sagte er, haben Sie irgendwelche Beschwerden?
Sie atmete zu schnell aus, schüttelte den Kopf und sagte dann: Naja, nur der freiliegende Zahnhals, aber das ist schon eine Weile so und schmerzt auch nur bei heiß-kalt.
M17, ja, habe ich gesehen, ist aber nicht wild.

Sie schaute noch einmal auf die Savanne. Diese unendlich Weite, die flirrende Hitze. Die Zebraherde galoppierte wild auf sie zu. Wind. Sie wollte heißen Wind auf ihrer Haut fühlen. Jetzt. Sofort. Und in diese unendlich Weite eintauchen. Drei Stunden einfach Richtung Horizont fahren, der nicht enden würde. Dann stand sie im Flur, den klinischen Geruch der Praxis einatmend.

Ein Zuhause, dachte sie. Das ist so eine Sache. Klar, jeder wünscht sich ein Zuhause. Aber was ist das? Ist das was Bleibendes? Was für ein begrenztes „Immer“?

Melden Sie sich dann Anfang Januar für einen neuen Termin, sagte die junge Frau an der Rezeption.
Gerne, mach ich, sagte sie und öffnete die Tür.

Ein Schutzraum, dachte sie, ein Zuhause ist ein Schutzraum. Die Tür fiel langsam hinter ihr zu. Da bin ich „Ich“ und fühle mich sicher. Die Antwort stellte sie zufrieden. Zumindest für einen Moment und sie verließ das Gebäude.

Die Straße war nass und der Verkehr rauschte darauf. Sie mochte das Geräusch, dass das Gummi auf dem verregneten Asphalt hinterließ.

Und Liebe? Sie rieb sich die Augen. Im Brunnen der Autoinsel war das Wasser abgestellt, die großen Steinplatten bildeten einen Raum, den es sonst nicht gab.

Liebe.

Sie ging auf den silbernen VW Kombi zu und betrachtete die Beulen, die die Kastanien hinterlassen hatten.

Ja, dachte sie, mehr als ein „Ja“ braucht es dafür nicht.

Jetzt, als Google abstürzte und sämtliche Warenkörbe ins Nirvana schoss, erinnerte sie sich an die große Freiheit. Danach suchte sie. Ihr Bildschirm wurde zu einem riesigen schwarzen Loch, in dem sie sich spiegelte. Die Sehnsucht packte sie mit einem Mal und gleichzeitig bereitete sich eine Angst aus. Eine Angst doch niemals wieder dieses Gefühl zu haben.

Leuchtend roter Pylon im Wald

Raketenfeinstaub November 29, 2020

Es war der Zug, der in die falsche Richtung fuhr. Eine Stunde Umweg. Gut, das kann jedem passieren, dachte sie, als sie an einem Bahnhof in der Pampa auf einen anderen Zug wartete, der sie wieder in die richtige Richtung bringen sollte und einen älteren Herrn dabei beobachtete, der durch einen Bauzaun urinierte. Ob er weiß, das man sein Ding sieht, fragte sie sich und drehte sich weg.

Sie war müde. Mal wieder. Wie so oft in letzter Zeit. Mittlerweile war die Falte um ihren Mundwinkel schon ganz deutlich zu sehen, ihre Lippen waren ausgetrocknet, an manchen Stellen aufgesprungen, kleine Hautfetzen standen spröde ab.

Der Himmel war an dem Morgen grau, die Luft feucht und rauchig. Jeden Winter wunderte sie sich, woher dieser rauchige Geschmack in der Luft kam, vergaß dann aber dem auf den Grund zu gehen und wunderte sich im nächsten Jahr erneut darüber.

Im Zug versuchte sie zu arbeiten, ihre Gedanken verloren sich jedoch immer wieder zwischen den leeren Sitzplätzen. Sie klappte den Laptop zu, steckte ihn zurück in den schwarzen Rucksack.
Draußen raste die Landschaft vorbei, hielt einen Moment an, weil ein anderer Zug vorbei musste oder weil sie an einem Bahnhof hielten, so genau wusste sie das in dem Moment nicht. Schließlich setzte sich die Landschaft wieder Bewegung: Sie sah rostige Autoteile, braune Hecken, ein Klettergerüst. Dann wurde die Landschaft schneller, so schnell, dass sie zu braunen und grauen Streifen verschwamm.
Sie lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen, atmete langsam aus, hielt inne. Dann riss sie die Augen wieder auf: Aus irgendeinem Grund verursachten die geschlossenen Lider eine drückende Übelkeit.

Sie öffnete erneut den Reißverschluss des schwarzen Rucksacks, zog den Laptop hervor, stellte ihn auf den Tisch, klappte ihn auf und starrte für eine Weile auf den dunklen Display. Dann zwang sich erneut zu arbeiten. Ist nur eine kleine Textkorrektur, dachte sie und schob Buchstaben hin und her, mal einer zu viel, mal einer zu wenig, hier ein anderes Wort, dort der falsche Fall. Es klappte ganz gut. Sie freute sich. An einer Stelle konnte sie einen ganzen Absatz neu strukturieren. Manchmal ist es wie Tetris, dachte sie und schmunzelte, die deutsche Sprache wie Tetris, die Worte mussten wie Bauklötze einfach passend zusammengeschoben werden, dann funktionierte ein Satz und letztlich ein ganzer Absatz. Man musste nur ein Gefühl dafür entwickeln – das war alles. Den meisten Menschen fehlt dieses Gefühl, dachte sie.

Ihr Fahrschein bitte, drückte sie eine Stimme auf den grauen Zugsitz und die bunten Sprachklötze verloren sich im Display ihres Laptops. Sie betrachtete die weißen Handschuhe, dann die hellblaue Maske und schließlich die Augen hinter einen feinen Brillengestell.
Bitte, sagte sie und hielt das Handyticket in Richtung der weißen Handschuhe. Diesmal klappte sie den Laptop endgültig zu.

Am Bahnhof drängelte sich ein Mann mit blaugrauen Sicherheitsschuhen vor. Er hatte es eilig auf die Rolltreppe zu gelangen. Sie zuckte mit den Schultern, es war ihr egal, sie hatte Hunger. Sie sah, wie er zwei weitere Menschen auf der Rolltreppe anrempelte, hörte, wie er schimpfte, fluchte, irgendwas vor sich hin schrie, dann blickte sie auf ihr Handy.

Keine Nachricht, das ist gut, dachte sie. Ihre Abwesenheit im Homeoffice wurde scheinbar noch nicht bemerkt. Keine Nachricht, hat das was zu bedeuten?, fragte sie sich. In den letzten Tagen hatte sich ihre Beziehung ein wenig entfernt angefühlt, eine Distanz war da, wo keine sein sollte. Keine Nachricht, sie drückte auf die Seitentaste ihres iPhones und der Display verdunkelte sich.

Sie ging zu ihrer Wohnung. Auch hier schmeckte die Luft rauchig. Auf dem Weg kaufte sie sich ein Falafelbrötchen mit eingelegtem Gemüse und ein Walnussteilchen. Eigentlich wollte sie nur ein Käsebrot, doch der Bio-Bäcker suggerierte mit den Falafeln und den Walnüssen ein gesundes Versprechen und zwang sie auf subtile Weise dieses einzukaufen. Immerhin schmeckt das Brötchen, dachte sie. Das Walnussteilchen legte sie in den Kühlschrank.

In ihrer Wohnung tat sie nicht mehr viel. Sie checkte E-Mails, schrieb ein paar Zeilen und plauderte mit ihrem Mitbewohner. Dann legte sie sich aufs Bett und wartete. Auf was sie wartete, wusste sie nicht so genau. Aber sie mochte es zu warten. Schließlich dachte sie so lange über das vergangene Wochenende nach bis es dunkel wurde und die Nacht den grauen Tag verschwinden ließ.

Sie würde dem Wetter und der Nacht gerne einen Vorschlag machen, wohl wissend, dass es schier unmöglich ist, würde sie gerne Tage im kompletten Nebel gegen Dunkelheit eintauschen. Die Dunkelheit ist weniger deprimierend, dachte sie, der rauchige Nebel erdrückt einen, stiehlt die Luft zum Atmen, man erstickt förmlich. Aber das würde wohl nicht funktionieren und so musste sie noch einige Tage in diesem Nebel mit dem rauchigen Geschmack ausharren.

Etwas später ging sie spazieren. Als sie zurück kam, schrieb sie, während ihr Mitbewohner mal wieder „Take me to Church“ pfiff:
Du leuchtend roter Pylon im Wald heute Abend sah ich Krokodile im Rhein schwimmen, die Theodor-Heuss-Brücke leuchtete blau, orange und rot, das Wasser schimmerte im Farbspiel und der Nebel war für einen Moment verschwunden.

Eisfach und Hot Pot

Raketenfeinstaub November 21, 2020

Ich stehe vor dem viel zu kleinen Eisfach meines Kühlschranks und versuche eine Spinatpackung sowie fünf Scheiben Graubrot unterzubringen. Gefrorenes Kondenswasser fällt auf den Küchenboden und zerspringt in tausend kleine Kristalle. Ich drücke das Eisfach fest zu. Innen knirscht es wie das Warten fester Winterstiefel durch eine dicke Schneedecke. Sekunden später springt die Plastiktür wieder auf.

Das Eisfach zieht meinen Blick in sein gefrorenes Inneres. Tofu-Pakete. Selbstgemachte Semmel-Knödel. Anderer Spinat. Mojito-Eis. Bei den Fischbällchen zieht sich kurz mein Magen zusammen. Das meiste liegt da schon seit anderthalb Jahren. So lange habe ich nicht mehr in das Eisfach geguckt, denke ich.
Ich sehe A. mit Stäbchen im Hot Pot nach Tofu-Paketen suchen. Sie lacht laut, voller Wärme. So wie A. immer lacht. Sie fischt eine Menge Enoki-Pilze aus dem Hot Pot und freut sich über die kleinen Pilzköpfe. Ihre Freude über das Einfache, das klar Fassbare steckt an dem Abend alle an. Der Abend ist gerettet, so wie fast jeder Abend mit A. war dieser eingebettet in Leichtigkeit.

In die Plastikbeutel, die es im Supermarkt für Obst und Gemüse gibt, stecke ich nun gefrorene Lebensmittel. Hoffentlich reißt sie nicht diese hauchdünne Tüte, denke ich.
Ob die Erinnerung an A. und den Hot Pot Abend noch einmal wiederkommt?, frage ich mich, während ich die Tofu-Pakete in den Plastikbeutel stecke. Und überlege, sie wieder zurück ins Eisfach zu legen, die gefrorenen Erinnerungen noch einmal aufzubewahren, sie vor dem Vergessen zu schützen. Dann knote ich den Plastikbeutel zu.

Als ich aus dem Mülltrennraum zurück in meine Wohnung gehe, kommt mir eine Frau mit medizinisch blauer Maske entgegen. Die Maske leuchtet in der Dunkelheit, sie trägt einen knielangen schwarzen Mantel, ihre Schuhe klacken auf dem Bordstein.

Verlieren wir die Erinnerungen und Geschichten, wenn wir die Dinge, an denen sie haften, wegwerfen?

An den Fischbällchen hing eine Freude, die nicht meine war. Eine Autotür fällt irgendwo in der Straße zu, während ich die Haustüre aufschließe. Und ich frage mich, was A. wohl zu den Tofu-Paketen sagen würde. Ganz sicher würde sie sich an den Abend erinnern können.

60 Sorten Bier und Bounty

Raketenfeinstaub November 18, 2020

„Lieblingskiosk“ blinken rote LEDs auf der Anzeige, kurz darauf verkünden die LEDs „60 verschiedene Biersorten“.
Drinnen ist zu viel los, das heißt, im Moment steht eine Person vor der Ladentheke und eine befindet sich dahinter. Warten, weitergehen, warten? Weitergehen.

Die Musik auf ihren Kopfhörern nervt, die Bahnhofsuhr geht falsch, zehn Minuten zu früh, sie skippt ein Lied weiter.

waiting for the rain to flush it all away

Auf dem Bahnhofsvorplatz bauen Männer in blaugrauen Overalls ein Metallgerüst auf. Die Overall-Farbe würde man taubengrau nennen, doch das tut nichts zur Sache. Eine Frau in 80er-Jogginganzug-Jacke schleift an ihr vorbei, der Blick der Frau klebt am Boden.

Der Bahnhofskiosk leuchtet grell. Snickers, Kitkat, Mr. Tom, Bounty. Sie möchte weiße Schokolade, der Mann hinter der Theke wartet auf ihre Bestellung, sie geht noch einmal die Auswahl durch. Fisherman’s Friend Packungen in türkis, gelb, pink, hellblau und mintgrün liegen unterhalb der Schokoriegel. Weiße Schokolade gibt es nicht. Die sollte ein Geschenk sein, sie nimmt die Kitkat-Packung in die Hand, fährt über die Verpackung, schiebt diese zwischen Zeigefinger und Daumen hin und her, legt sie wieder zurück. Sie spürt, wie sich der Mann hinter der Theke aufrichtet, es ist der Moment, etwas zu sagen, besser zu kaufen, sie murmelt „Entschuldigung“ und entschwindet auf die Rolltreppe.

20 Uhr streift Tristesse.

Sie beobachtet eine älteren Frau dabei, wie diese einen schwarzen Rollkoffer und riesige Einkaufstaschen umpackt, ordnet.

Mate klebt an ihrer Hand „schraub die Flasche richtig zu“, hört sie die elterliche Stimme sagen, erwidert „jaja“ in Gedanken und wischt die Hand an ihrer Hose ab.

„Am Bahnhof sieht man, wen der Lockdown zuerst trifft“, denkt sie.

Sie bleibt stehen, blickt zurück, schaut zur Anzeigetafel hoch.
Acht Minuten noch.
Die Deutsche Bahn lässt Normalität über die Gleise laufen.
Wer hätte das gedacht?

Änderungsschneiderei

Raketenfeinstaub November 6, 2020

Rocko: Mar-iek, Mar-iiiek
Mariek: Hey.
Rocko: Auch „Hey.“
Mariek: Wartest du auf jemanden oder genießt du nur das Wetter?
Rocko: Ich warte auf die kleinen Leute.
Mariek: Kommen sie schon bald?
Rocko: Der Erste um 13.15 Uhr.

Mariek guckt auf die Uhr und dann in die Sonne.

Mariek: Ist ja schon bald. Und die anderen?
Rocko: 13.45 Uhr und 15 Uhr.
Mariek: Ist ja noch Zeit.
Rocko: Ja. Und du?

Mariek zeigt Rocko einen schwarzen Wollpullover.

Rocko: Schon wieder zur Frau Lude?!
Mariek: Ja, alle Sachen haben Löcher oder die Nähte gehen auf.

Mariek zeigt Rocko eine aufgerissene Naht.

Rocko: Bist du so wild?
Mariek: Wahrscheinlich schon.

Mariek zuckt mit den Schultern, überlegt kurz, Rocko lächelt.

Mariek: Ja, ich bin wild. Die Klamotten sind wie mein Leben.
Rocko: Das ist gut.
Mariek: Dass mein Leben Löcher hat oder dass ich wild bin?
Rocko: Beides. Vor allem, dass die Löcher vom Wildsein kommen.
Mariek: Stimmt. Frau Lude kann’s ja flicken.
Rocko: Dein Leben?
Mariek: Vielleicht auch das, aber vor allem die kaputten Klamotten.
Rocko: Das wäre toll – eine Änderungsschneiderei für’s Leben.

Rocko sieht nachdenklich in eine Weide, die herbstlich ihre Blätter verliert.

Mariek: Na, ich geh mal weiter.

Rocko lächelt eigenartig.

Mariek: Der Erste der kleinen Leute kommt auch schon bald.

Kluge Köpfe pogen

Raketenfeinstaub Oktober 31, 2020

Raus gehen. Das Leben genießen.
In vollen Zügen.
Bevor man das tut, was alle tun.
Leben in Fremdbestimmung,
nur unterschiedlich graduell.

ich bin müde.

Darüber kreisen gerade Debatten in Kulturblättern,
also um die Müdigkeit,
die Müdigkeit eines Pianisten im Speziellen,
die Müdigkeit einer Gesellschaft im Allgemeinen,
und den falschen Worten dazu.
Kluge Köpfe pogen,
um Musik geht es längst nicht mehr.

Clownerien nennen sie es
und die anderen rechnen wild.
Zahlen als Heilsbringer,
Zahlen in Agonie.
Der Mensch denkt, er sei linear.
Dabei kommt doch irgendwie alles wieder.

Einfach mal weiter skippen,
nächster Song,
nächster Windbreaker,
nächste Stunde,
nächstes wir.

Dann beginnt das Ganze wieder von Vorne.

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Ein wenig abseits:
Jetzt stehen wir auf einer Insel.
Hier ist warm, wohlig.
Die Luft fast zu knapp.
Ob du ein Kratzbaum bist, fragtest du mich,
als ich mich an dich schmiegte.

Worte. Die nicht wollen.

Raketenfeinstaub Oktober 22, 2020

Ich sitze auf meinem Bett, barfuß mit Decke.
Warte und weiß nicht auf was.
Nick Murphy singt „If I’m loud then I am sorry, It’s just too quiet inside this bed, If I’m down then I would hurry, ´Cause what I done is what I meant“.

Muss ich das wollen, was du willst?

„Ein Kompromiss ist die Lösung eines Konfliktes durch gegenseitige freiwillige Übereinkunft, unter beiderseitigem Verzicht auf Teile der jeweils gestellten Forderungen.“ Klingt nicht charmant. Klingt vernünftig. Immerhin: Beide verzichten.

Die Nacht zerfällt in Stunden.
Wenn du gehst, nimmst du alles mit.

Ich bin traurig, will eigentlich schweigen, stattdessen scrolle ich rastlos meine Kontakte durch, rufe erst B. an, dann M., dann F., dann nochmal B., wieder F.
Die Telefonate sind unbefriedigend, ich sage Dinge, die ich nicht so meine, frage nach Sachen, die ich nicht wissen will. Erschöpft zwinge ich mich schließlich zur Stille.

Entscheidungen machen immer weniger Freude. „L’instant de la décision est une folie“, sagt Kierkegaard in Derridas Übersetzung. „Der Moment der Entscheidung ist Wahnsinn“, so könnte man es übersetzen.

Das Stück Wiese, auf dem ich saß, war grüner als im Sommer. Viele Menschen waren mittags am Rhein auf dem Platz mit den großen Steinplatten vor dem Raimunditor. Was so ein paar Tage Regen bewirken können. Ein Mädchen mit dunklen Haaren und Skateboard lief mehrmals an mir vorbei. Die langen Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden, ihr Blick forsch.

Wenn man sich treiben lässt, entscheidet das Leben für einen. Gibt man dann seine Verantwortung ab?
Über FoMo „Fear of Missing out“ informieren schon Krankenkassen, aber darum gehts nicht. Oder doch?

Zehn Stunden später.
Dein Gesicht auf dem verschmierten Display meines iPhones. Wie ich die Fettflecken verabscheue. Bei anderen ist der Display immer sauber, glänzt. Meiner nicht und das obwohl ich ihn mehrmals täglich mit Glasreiniger oder Spülmittel abwische.
„Du siehst gut aus.“
Danke.
„Hab einen schönen Tag.“
Danke.
„Bis später.“
Ja.
Gerne würde ich dir noch etwas Nettes hinterher rufen, aber da ist das Gespräch schon vorbei. Mal wieder zu langsam, denke ich.

Closer

Raketenfeinstaub Oktober 17, 2020

Für „dazwischen“ gibt es kaum Synonyme. Man befindet sich entweder zwischen Personen, Gegenständen, Sachen oder Orten.
Zwischen Welten, Zeiten oder Gefühlen geht scheinbar nicht. Dafür ist dazwischen zu konkret und Gefühle zu abstrakt.
Welten gibt es ja ohnehin nicht im Plural, von Zeiten mal ganz abgesehen.

Stranded in a spooky town
She took my heart, I think she took my soul

Das Licht in der Fensterscheibe glänzt altrosa und im Hintergrund redet eine angenehme Frauenstimme. Ich habe Hunger. Die Maske macht alles nur schlimmer.
Ich habe gelernt, dass man sich entscheiden muss. Dazwischen heißt irgendwann verloren gehen.

With the moon I run

Gleich kommt Mannheim. Musik, Pop Akademie, Graffiti und Beton. Viel mehr fällt mir erstmal nicht zu Mannheim ein.

Where am I know

Alles Zufälle, sagt sie. Hornbach und Erotik zeigen sich orange in der Nacht.
Ich mag Zufälle: Du zwischen den Menschen auf einem Weinfest und mein Herz, was seit dem schneller schlägt.

And it’s coming closer

So sagt man es doch, wenn man verliebt ist?

Letztes Jahr war ich in Mannheim, platzt ganz unvermittelt die Erinnerung herein. In einem Vorort, enge Straßen, es hat geregnet. Dort ich habe das erste Mal meine Texte zu Musik gelesen. Faix, Sänger und klassische Gitarre.

Ich muss gleich raus.
Die Ansage im ICE empfiehlt die linke Seite als Ausstieg.
Humor zwischen den leeren Plätzen.
Wir werden langsamer.

Du in meinen Gedanken.
Mannheim. Jetzt.

Kursiv: „Closer“ von Kings of Leon

Ich halt dich nicht fest und lass dich nicht los.*

Raketenfeinstaub Oktober 10, 2020

Müde Augen.
Schweigen.
Der Körper noch ungelenk.
Draußen, nichts außer Regen.

Die Zeit zwischen uns ausgedehnt wie lilaner Schaumstoff.
Vorfreude schon verdrängt von den unvorhersehbaren Alltäglichkeiten.
Im Duell des mieseren Tages – du gewinnst.

Woher auf einmal all die Anspannung?
Woher auf einmal all der Stress?

Worte werden zu Zahlendrehern.
Berührungen zu Bauklötzen.
Ich renne ein Jahr zurück.
Bringe den süßen Enthusiasmus von damals mit.
Doch er verliert sich in der Idee.

Sind wir okay?

Bier in grünen Flaschen, ne Kippe und tausend rote Lichter.
Die uns wie dystopische Späher ansehen,
dazu der Wind im Kastanienbaum.
Verlierer schlafen besser, denke ich.

*Pocahontas, Annenmaykantereit

Herbstgeflüster

Raketenfeinstaub Oktober 7, 2020


Dein Herbst ist mein Frühling

Zuhause ist dazwischen, denke ich und schaue aus dem mit Rasterfolie verklebten Fenster des Reisebusses. Zu sehen gibt es nicht viel: Autobahn, Autobahnbaustelle, Autobahnverkehrsschilder und Autobahnabfahrten. Und natürlich jede Menge Autos, Kleintransporter und Lkws. Was zugegeben dann doch eine ganze Menge ist.
Auf der Rückbank sprechen zwei komplett schwarz gekleidete Frauen laut italienisch miteinander. Ihr medizinisch blauer Mundschutz hängt lässig unter dem Kinn und wirkt wie leuchtender Textmarker auf dem ganzen Schwarz.
Ich stecke die Kopfhörer in meine Ohren und lasse Nick Mulveys Coverversion „Moments of Surrender“ laufen. Der Himmel ist ähnlich grau wie der Autobahnasphalt und ich bin zu müde zum lesen.

I tied myself with wire
To let the horses run free
Playing with the fire until the fire played with me
Yeah

Draußen wird es nun endlich Herbst. Ich mag den Herbst, er ist jedesmal ein Versprechen auf Rückzug und Neubeginn. Alles Alte wird Stück für Stück abgeworfen, in einer feierlichen Zeremonie aus bunten Farben in umher wirbelnder Luft. Das raschelnde Laub bedeckt nun den Boden und zerfällt allmählich zu Konfetti. Der Herbstregen spült dann alles weg und die kürzer werdenden Tage fahren das System runter. Klingt nach Tiefenreinigung, denke ich, Tiefenreinigung hat eigentlich irgendwas mit Hauptpflege zu tun hat, sagt Google. Nun gut.
Ähnliches stelle ich mir auch für mich selbst vor: abwerfen, wegspülen, runterfahren. Das Selbst einfach mal als Konfetti durch den Kosmos wirbeln lassen und gucken, was entsteht.

Ich lehne meine linke Schläfe gegen die Fensterscheibe des Reisebusses: Sie ist kühl. Aber noch nicht kalt genug, um Brain Freeze zu bekommen. Zu deutsch: Kältekopfschmerz, das klingt nach ICD 10 und gleichzeitig sehr bürokratisch, dann doch lieber „ice cream headache.“ Die Reisebusvorhänge sind gelb, nein, curryfarben korrigiere ich mich selbst in Gedanken.

At the moment of surrender
Of vision over visibility
I did not notice the passers-by
And they did not notice me

Tiefenreinigung und Neubeginn.
Vielleicht mag ich das Dazwischen so gerne, weil es noch nicht entschieden ist, denke ich. Es ist nicht fest gelegt. Das Dazwischen ist ein endloser Neubeginn. Man weiß noch nicht, wie es wird, hat kein Bild. Im Neubeginn steckt immer ein Gefühl der Vorfreude und der Glaube daran, das alles anders wird.

To the rhythm of my soul
To the rhythm of my unconsciousness
To the rhythm that yearns
To be released from control

Das alles anders wird. Wieso will ich das alles anders wird, frage ich mich plötzlich. Und wenn, wie soll es denn anders werden? Und was ist alles? Was soll am Ende, also nach dem Herbst, aus dem Kokon schlüpfen? Ich bin überfragt und stelle mir curryfarbene Eiscreme vor. Das hilft für den Moment.

Die Italienerinnen in schwarz fragen sich derweil, in welche Stadt wir fahren. Zwischenstation für sie, denke ich, sie wollen nach Frankfurt. So viel habe ich verstanden. Ich packe langsam meine Sachen zusammen. Im Busgang riecht es nach Putzmittel. Endstation für mich, ich steige aus.

I did not notice the passers-by
And they did not notice me

Die Luft draußen ist feucht. Eine Trambahn rollt langsam von rechts an, während ich über die Straße laufe. Der Kioskinhaber lehnt an der Tür und raucht.

Später sagt F. : „Dein Herbst ist mein Frühling.“
Und ich antworte: „Ja, Frühling mag ich nicht. Zumindest nicht, wenn alles noch am Knospen ist. Dann sieht es draußen richtig schlimm aus. Kahl und matschig. Erst wenn alles blüht, ist es ok.“
F. lacht.